Ethno-tourism

Von Erick Moreno Superlano

In den letzten Tagen oder Monaten oder Jahren dachte ich viel an meine Reise durch Bolivien. Damals lebte ich in Buenos Aires, Argentinien. Ich bin aus Venezuela gegangen, weil die Situation in meiner Heimat ziemlich schwierig war. Mein guter Freund Eugenio ist auch von Caracas nach Buenos Aires umgezogen, in der Hoffnung, studieren und arbeiten zu können. Wir sind beide separat dorthin gegangen, ohne Familie oder Bekannten. Wir haben aber bald erkannt, dass wir nicht gleichzeitig arbeiten und studieren konnten. Wenn man in Buenos Aires nicht mit seiner Familie wohnt, muss man Vollzeit arbeiten um ein Zimmer mieten zu können. Mein Ziel war schon damals Schriftsteller zu werden. Eugenios Ziel war Musiker zu werden. Wir waren sehr frustriert, weil wir nicht die Zeit hatten um zu schreiben und Musik zu machen. Um diese Situation irgendwie zu ändern, haben wir eine radikale Entscheidung getroffen und zwar eine Reise zu machen, in der wir nur schreiben und Musik machen würden.

Wir haben unsere wertigen Sachen verkauft – zwei Laptops und ein Ipod – und zwei Zugfahrkarten gekauft Richtung Norden. Wohin genau? Wie lang? Wussten wir nicht genau. Wie Che Guevara, wollten wir Lateinamerika kennenlernen. Dafür habe ich zwei Bücher mitgenommen, Hundert Jahre Einsamkeit und Die offenen Adern Lateinamerikas. Weder Eugenio noch ich hatten Europa kennengelernt. Nur ich war in den USA, wo meine Tante lebte und wo meine Mutter vor kurzem politisches Asyl bekommen hatte. Allerdings für die Zwecke dieses Aufsatzes werde ich nur über unsere Erfahrung in Bolivien reden.

Ganz am Anfang waren wir fasziniert vom Reichtum unserer lateinamerikanischen Kultur. Die Kultur in Bolivien ist absolut anders als die venezolanische und die argentinische. Trotzdem fühlten wir uns stolz, Lateinamerikaner zu sein. Aber dann ist etwas Unerklärbares passiert. Viele Bolivianer und Bolivianerinnen wollten mit uns nicht reden. Zum Beispiel haben wir bei einem Markt gefragt, wie viel ein Brot kostet und die Verkäuferin hat einfach weggeguckt. Nach einem Monat in Bolivien fühlten wir uns oft wie Gespenster. Wir waren sehr verwirrt und frustriert. Als wir Peru erreicht haben, waren wir sogar froh, weg von Bolivien zu sein.

Nach Jahren habe ich erst verstanden, dass wir doch Gespenster waren. Unheimliche Gespenster, die für die Bolivianer eine historische negative Bedeutung haben. Hellhäutige Menschen, die in der Vergangenheit ihre Zivilisation zerstört haben. Menschen, die vertreten, was Silvia Rivera Cusicanqui “internal colonialism”[1] nennt. Laut Rivera Cusicanqui hat der Mittelstand einen Überlegenheitskomplex gegenüber Indios. Sie identifizieren sich mit der europäischen Kultur und lehnen die einheimische Kultur der Indios ab. Das waren wir nicht. Wir waren eine andere Manifestation des weißen Mann ohne es zu merken. Wir waren dort um zu machen, was Rivera Cusicanqui “ethno-tourism”[2] nennt. Das ist leider wahr. Ich brauchte Zeit es zu merken. Wir sind arrogant hingegangen ohne die bolivianische Gesellschaft zu kennen und ohne zu wissen, wer wir in dieser Gesellschaft waren. Einmal gingen wir zum zentralen Markt in La Paz wo eine Gruppe von Kindern zu uns kam und ihre Hände aufhalten. Sie sagten uns auf Spanisch: “Dennos una moneda. Ustedes gringos tienen harta plata” (“gebt uns eine Münze. Ihr Gringos habt viel Geld.”) Ich habe ihnen auf Spanisch gesagt, dass wir keine Gringos sind und kein Geld haben. Sie waren verwirrt, dass ich Spanisch geredet habe.   

In seinem Aufsatz “Traveling White” erzählt der nigerianische Autor Chinua Achebe eine Geschichte, die ihm eine Bibliothekarin an der University of California at Berkeley erzählt hat. Sie hat Achebe einen Brief gezeigt, den sie von einem deutschen Freund bekommen hat. Sie hatte ihrem Freund Achebes Roman Things Fall Apart empfohlen und er hat es seinem Nachbarn empfohlen. Der Nachbar war ein renommierter Jurist, der seine Rente in Namibia verbringen wollte, weil ihm eine Arbeitsstelle als Berater der Regierung angeboten wurde. Nachdem er das Buch gelesen hatte, bemerkte er, dass er Afrika komplett anders gesehen hat. Er war – laut des Briefes – nicht mehr unschuldig. Achebe fragt sich “How was it that this prominent German jurist carried such a blind spot about Africa all his life? Did he never read the papers? Why did he need an African novel to open his eyes? My own theory is that he needed to hear Africa speak for itself after a lifetime of hearing Africa spoken about by others”.[3]

Eugenio und ich sind mit einem großen blind spot nach Bolivien gegangen. Das kann ich erst jetzt sehen. Würde ich nochmal das Land besuchen? Auf jeden Fall. Aber ich würde bescheiden sein. Ich würde eine rezeptive Attitüde ergreifen. I would let Bolivia speak for itself after a lifetime of hearing Bolivia spoken about by others.

Eugenio und ich an Salar de Uyuni, Bolivien.

[1] Silvia Rivera Cusicanqui; Ch’ixinakax utxiwa: A Reflection on the Practices and Discourses of Decolonization. South Atlantic Quarterly 1 January 2012; 111 (1): 95–109. doi: https://doi.org/10.1215/00382876-1472612. P. 103.

[2] Rivera Cusicanqui, Silvia. P. 98.  

[3] Achebe, Chinua. Africa’s Tarnished Name. Penguin Books, 2018. P. 16.

Posts created 25

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Related Posts

Begin typing your search term above and press enter to search. Press ESC to cancel.

Back To Top