Kann man kulturelle Grenzen durch Literatur überwinden?

Von Erick Moreno Superlano

Ich bin fasziniert von Autoren, die nicht ihre Heimat verlassen haben und trotzdem  über transkulturelle Themen schreiben. Ich frage mich, wie solche Autoren Zugang zu diesen universalen Themen bekommen, ohne durch die Welt zu reisen. Es gibt manche Fragen, die alle Menschen sich über Kultur und Zeit hinaus stellen. Wenn wir verstehen lernen, dass es eine transversale Verbindung zwischen Menschen gibt, lernen wir auch empathisch zu sein; lernen wir auch, dass es außerhalb unseren kulturellen Grenzen andere Menschen gibt, die ähnlich wie wir sind. Aber, wie kann man zu diesem Verständnis kommen?

Ich möchte in diesem Aufsatz zwei Autoren analysieren, die über universale Themen reflektiert haben, ohne durch die Welt zu reisen: Franz Kafka und Jorge Luis Borges. Diese zwei Schriftsteller haben in verschiedenen Ländern gelebt, in verschiedenen Zeiten, und haben auf verschiedenen Sprachen geschrieben, aber sie hatten dennoch etwas gemeinsam. Sie hatten Kontakte zu anderen Kulturen. Sie waren Weltbürger.

Kafka ist 1883 in Prag geboren, in eine deutschsprachige jüdische Familie. Das bedeutet, dass er gleichzeitig zu drei verschiedenen Gruppen der Gesellschaft gehört hat. Obwohl er Prag nicht verlassen hat, war er in direktem Kontakt zu verschiedenen Mentalitäten, Kulturen, und Traditionen. Ohne es zu merken, war er kosmopolitisch. Kafka hat Recht studiert an der Karl-Ferdinands-Universität zu Prag. Dort hat er seinen lebenslangen Freund Max Brod kennengelernt. Zusammen haben sie sich mit Literatur beschäftigt. Er hat Flaubert, Gogol und Goethe bewundert. Durch das Lesen dieser Autoren hat er herausgefunden, dass er mit ihnen wichtige Merkmale gemeinsam hat. In einem Brief hat er Brod gesagt, dass er diese Autoren als Blutsverwandten berücksichtigt. Er hat sich betrachtet als ein Weltbürger, neben diesen anderen Menschen aus anderen Länder und anderen Zeiten.

Die Themen, mit denen Kafka sich beschäftigt hat, waren Entfremdung, existentielle Angst, Schuld und Absurdität. Sie sind Themen, mit denen sich Menschen überall auf der Welt identifizieren können. Wie kann es sein, dass ein Mann, der nicht sein Land verlassen hat, über Themen sprechen kann, die verschiedene Personen aus verschiedenen Kulturen, in verschiedenen Zeiten verstehen können? Er hat durch Literatur verstanden, dass er zu einer anderen Gruppe gehört, außerhalb seiner kulturellen Grenzen und er hat als ein Weltbürger geschrieben.

Als Jorge Luis Borges ein Kind war, ist seine Familie in die Schweiz umgezogen. Dort hat er Französisch in der Schule gelernt. Er hatte auch eine englische Oma, dadurch hat er fließend Englisch gesprochen. Er ist, genauso wie Kafka, mit anderen Kulturen in Kontakt gekommen. Dadurch hat er entdeckt, dass es mehr gibt außerhalb der argentinischen Grenzen und es ist reich, komplex, und schön.

Mehrere Jahre später ist die Familie zurück nach Buenos Aires umgezogen. Dort hat Borges seines Vaters Bibliothek entdeckt. Er hat nie wieder die Bibliothek verlassen. Er ist Bibliothekar geworden. In der Bibliothek hat er die großen Autoren der Welt kennengelernt, wie Cervantes, Dante, und Shakespeare. Er hat sich als Weltbürger betrachtet und so hat er geschrieben.

Er wurde von Argentiniern kritisiert, weil er nicht genügend argentinisch war. Die Nationalisten haben die argentinischen Autoren aufgefordert, die Sprache und lokal soziale Probleme (“Lokalen Farben”) in der Literatur zu inkludieren. Borges hat solche Kritiken mit einem Aufsatz beantwortet, der “Der Argentinische Schriftsteller und die Tradition” heißt. Er stellt einen wichtigen Punkt heraus. Er sagt, dass die Nationalisten Themen loben, die manchmal nicht so reich sind, nur weil sie argentinisch sind. Borges dachte, dass Argentinier auch über universale Themen schreiben könnten, genauso wie Cervantes, Dante, Shakespeare und die Autoren, die er in seiner Bibliothek gelesen hat.

Mein erster Kontakt zu einer anderen Kultur außerhalb der venezolanischen war als ich acht Jahre alt war. Meine Mutter und ich sind in die USA umgezogen. Wir haben dort sechs Monate verbracht. So lange darf man als Venezolaner bleiben. Sie hat ihren Job in Caracas gekündigt, damit ich Englisch lernen konnte. Ich habe aber nicht nur etwas Englisch gelernt. Ich habe gelernt, dass es Kinder gibt, wie ich, außerhalb Venezuela, die gerne spielen und die witzig sind und sehr nett. Ich habe entdeckt, dass das Leben außerhalb Venezuelas möglich ist für einen achtjährigen Venezolaner.

Mein zweiter Kontakt zu einer anderen Kultur war auch dank meiner Mutter. Sie hat einen uruguayischen Lebenspartner, Jaime. Er ist fast wie ein Vater für mich. Er hat mir immer Geschichten von Montevideo erzählt als wir Mate getrunken haben. Ich habe von der furchtbaren militärischen Diktatur in Uruguay gelernt. Und der erste Roman, den ich gelesen habe, war ein Roman von einem uruguayischen Schriftsteller: Mario Benedetti. Durch Benedetti habe ich entdeckt, wie schön meine eigene Sprache sein könnte. Mehrere Jahre später habe ich allein endlich Montevideo besucht. Ich habe mich ein bisschen Zuhause gefühlt, weil ich wusste, dass ich nicht nur ein Venezolaner bin, sondern ein Weltbürger. Dank meiner Mutter hatte ich einen größeren Referenzrahmen als der durchschnittliche Venezolaner. Deshalb fühlte ich mich wohl außerhalb meiner lokalen kulturellen Grenzen.

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