Ein Interview mit Deutschlands Glückministerin

“Ich glaube, dass wir viele große Themen und Herausforderungen unserer Zeit herunterbrechen müssen, damit sie greifbar sind, damit sie verständlich sind, damit sie auch in unsere Komfortzonen reinpassen.”

– Ein Interview mit Deutschlands Glücksministerin Gina Schöler

Ich erinnere mich an die Worte des Schriftstellers Robert Musil, wenn ich in Nostalgie an eine Zeit der Wunder denke, die noch nicht eingetroffen, aber in den Augen jedes Waisen schon immer gegenwärtig war, die da heißen: „Unsere Zeit schafft diese Wunder; aber sie füllt sie nicht mehr. Sie ist eine Zeit der Erfüllung, und Erfüllungen sind immer Enttäuschungen; es fehlt ihr an Sehnsucht, an etwas, das sie noch nicht kann, während es ihr am Herzen nagt.”1 Gerade heute plagt uns ein Gefühl der Sorge, das uns begleitet und unsere Herzen schwer beschäftigt. Eine Sorge, die dunkle Szenarien über unsere Zukunft ausmalt, angesichts der vielen bestehenden und kommenden Herausforderungen. Deshalb spreche ich von einem besorgten Herzen, das dennoch fühlt und aus dem die schönsten Flüsse entspringen können.
Diese Sorge und Sehnsucht brachten mich dazu mit Deutschlands Glücksministerin in Kontakt zu treten und ihr Fragen über das Wohlbefinden des Menschen zu stellen.

Ein Beitrag von Nedime Sinanaj

 

Stell dich doch einmal kurz vor. Wer bist du?

Hallo und liebe Grüße vom Ministerium für Glück und Wohlbefinden. Mein Name ist Gina Schöler und ich bin selbst ernannte Glücksministerin.

Als aller Erstes möchte ich mich bedanken bei dir Nedime, für die Möglichkeit dieses Interviews. Es hat mich sehr gefreut, dich vor vielen Jahren im Rahmen dieser Kampagne kennengelernt zu haben und toll, dass du nach so langer Zeit immer noch mich und vor allem das wichtige Thema Glück und Wohlbefinden im Kopf hast und dieses Thema vorantreiben möchtest.

 

Danke Gina für deine herzliche Begrüßung. Die Freude liegt auch ganz auf meiner Seite. Wenn du bereit bist beginnen wir auch gleich. Was sind deine Grußworte an den German Public Sphere Kurs?

Als Erstes möchte ich sagen, dass ich es große Klasse finde, dass ihr euch als Studierende in Zeiten wie diesen mit solchen wichtigen Themen auseinandersetzt. Man muss eben auch die Augen offenhalten und reflektiert die Gesellschaft betrachten, denn dann wird man schnell realisieren, dass es wirklich unerlässlich ist, Verantwortung und auch Selbstverantwortung fürs Leben, fürs gesellschaftliche Wohlbefinden zu übernehmen.

 

Und da sind wir ja auch schon beim Thema. Bevor wir aber inhaltlich in die Tiefe gehen,  was steckt hinter deinem Titel? Wie bist du denn nun eigentlich Glücksministerin geworden?

Das Ministerium für Glück und Wohlbefinden war ursprünglich einmal meine Masterthesis an der Hochschule Mannheim. Das war 2012 und ich habe mich dann 2013 selbstständig gemacht, weil ich einfach nichts Anderes mehr tun wollte, als mich um das Wohlergehen der Menschen zu kümmern, weil es mir so viel Freude gemacht hat. Seit jeher führe ich diese unabhängige Initiative als Glücksministerin selbstständig weiter und setze mir da selber keine Grenzen.

Ich habe viele Mitmachaktionen am Start, viele Kanäle bespielt, bin auf vielen Veranstaltungen unterwegs. Ich organisiere selbst auch Events, wo sich Menschen inspirieren lassen können, was denn seelische Gesundheit auch präventiv aufrecht erhält. Was sie glücklich macht, was der Sinn des Lebens sein könnte. Und ich sehe mich hier nicht als Ratgeber oder dergleichen. Ich fühle mich eher als Impulsgeberin, als Mutmacherin, als Türöffnerin. Also ich stupse die Leute so an durch kleine alltagstaugliche Ideen und Aktionen, damit man eben Mal wieder innehält und Fragen des Lebens stellt, durchaus reflektiert, was einem gut tut und was man der Gemeinschaft zurückgeben kann.

 

Also ich stupse die Leute so an durch kleine alltagstaugliche Ideen und Aktionen, damit man eben Mal wieder innehält und Fragen des Lebens stellt. 

 

Wie definierst du Glück?

Ich per se sträube mich davor, Glück zu definieren.

Natürlich habe ich schon eine kleine Formel gefunden, wie ich das Thema für mich umranden kann. Aber ich finde es ein wenig anmaßend, eine festgefahrene Definition nach Außen zu geben. Da es doch ein individuelles Thema ist. Wie ich Glück definitiv nicht definiert sehe ist dieses Schweinchen und Schornsteinfeger Glück. Also, es geht hier nicht um das süße-kleine nice to have. Es geht hier nicht um das Zufallsglück, es geht hier nicht um den Lottogewinn.

Es geht um grundsätzliche Zufriedenheit, um seelisches Wohlbefinden. Für mich persönlich definiere ich Glück als Verbundenheit in mehrerer Hinsicht. Verbundenheit in erster Linie mit mir selbst, aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

 

Es geht hier nicht um das Zufallsglück,

es geht hier nicht um den Lottogewinn.

Es geht um grundsätzliche Zufriedenheit,

um seelisches Wohlbefinden.

 

Eine sehr eigene Definition von Glück! Von deinen Worten kann man heraushören, dass Glück so individuell definierbar ist. Mir schwebt dennoch die Frage im Kopf, warum man bei der Bestrebung um ein glückliches Leben nicht vernachlässigen sollte, dass das eigene Glück auch Anderen schaden könnte? Vielleicht etwas tiefsinnig, aber wir versuchen es einmal!

Das ist eine extrem spannende Frage. Warum man es nicht vernachlässigen sollte ist deshalb der Fall, weil wir total miteinander verbunden sind. Das klingt jetzt total spirituell. Aber alles hat irgendwie eine Auswirkung aufeinander. Wenn ich hier jetzt narzisstisch durchs Leben gehe und auf mein persönliches Glück poche, dann werde ich nicht nachhaltig glücklich sein. Vielleicht kurzfristig, aber irgendwann werde ich merken, dass ich Anderen damit auf die Füße trete oder dass ich auf Kosten anderer lebe. Deswegen ist das immer ganzheitlich zu betrachten und das gesamte Leben besteht aus Geben und Nehmen und aufeinander Achtgeben und einander helfen und auch selbstlos sein und nicht immer nur auf das eigene Wohl bedacht zu sein. Mir hilft es zum Beispiel total, dass wenn ich einen Scheiß Tag habe auf gut Deutsch gesagt, und das darf eine Glücksministerin auch haben, dann hilft es mir ganz persönlich, wenn ich nach draußen gehe und anderen Leuten helfe, ob ich sie kenne oder nicht. Wenn ich die Freude und Dankbarkeit in anderen Augen sehe, dann erfüllt es persönlich mein Herz.

Wenn ich meine Werte definiert habe und es mir wichtig ist, dass es auch anderen Leuten gut geht, dann muss und möchte ich auch darauf achten, dass sich das in allen Lebensbereichen widerspiegelt. Ja ich glaube, das war die kurze Antwort auf diese doch tiefgründige Frage.

 

Wenn du von einem ganzheitlichen Ansatz sprichst, wie siehst du dann individuelles Glück und gesellschaftliches Glück im Zusammenhang? Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?

Das Eine beeinflusst auf jeden Fall das Andere. Wenn jeder kleine Dinge in seinem Leben adaptiert und umstellt, dann kann das nachhaltig auf das Große und Ganze einwirken. Man kann beides per se nicht voneinander trennen. Wenn ich einer Gruppe zugehörig bin, sei es in der Partnerschaft oder in der Familie, am Arbeitsplatz und größer gedacht die Gesellschaft, der Staat, die Welt. Wenn da ein Klima, ein Mindset herrscht, was gutmütig ist, was hilfsbereit ist, was menschlich ist, dann zahlt das wiederum aufs persönliche Glück ein.

 

Oft fehlt uns diese Gutmütigkeit in den öffentlichen Räumen und die Frage nach dem Wohlbefinden wird zu einer individuellen Agenda. Dennoch lohnt es sich die Frage zu stellen, wie uns persönlich das Wohlbefinden nun aber konkret beeinflusst?

Da gibt es unendliche viele Zahlen, Fakten und Studien, was es auch neurobiologisch mit uns macht, was es auch gesundheitlich mit uns macht. Glückliche Menschen sind produktiver und leistungsfähiger. Glückliche Menschen sind aber auch teamfähiger, sie sind auch viel loyaler und da kommt wieder dieser Faktor dieses Ganzheitlichen mit rein. Die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Glück und wenn ich dahingehend auch dahin etwas verändere und implementiere, hat das sehr viel Einfluss auf meine Gesundheit und auf mein Wohlbefinden. Und deshalb zu der Frage wozu glücklich sein? Darum, warum nicht!

 

Manchmal ist es jedoch nicht einfach, dieses Wohlbefinden aufrecht zu erhalten. Die Gründe dafür sind vielfältig und undurchsichtig. Wie geht man mit Hürden um? Führst du mit uns ein kleines Gedankenexperiment durch?

Nun bist auch du gefragt lieber Leser!

Sehr gerne.  (Gina Schöler)

Ich möchte euch eine kleine Aufgabe stellen. Nehmt euch ein Blatt Papier in die Hand und einen Stift und malt einen Punkt darauf. Das bekommt ihr hin.

Ihr habt den schwarzen Punkt gemalt und ich lade euch jetzt einmal ein, euch auf ein aktuelles Problem im Leben zu konzentrieren. Denkt an eine Situation, die euch wichtig im Leben ist, euch gleichzeitig aber auch Kraft oder Energie raubt. Es kann was kleines alltagstaugliches sein oder was euch schwer im Magen liegt.

—– (Halte inne) ——

Wir Menschen tendieren dazu – das ist genetisch so bedingt  -, dass wir unseren Fokus irgendwie immer auf das Negative richten und das ist so in uns verankert, dass wir uns immer auf das Problem konzentrieren. Und ihr wisst vielleicht aus Erfahrung, das worauf wir uns fokussieren, das worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist, das wächst und gedeiht.  

Das kann man aber auch umdrehen: Malt nun um diesen dunklen schwarzen Punkt Blüten, Strahlen oder Blätter und stellt euch dabei die Frage: Was lehrt euch die Situation, was könnt ihr genau daraus ziehen? Gibt es sogar etwas Gutes dahinter?

 

Ich gebe euch ein ganz persönliches Beispiel. Hat mit der Geburt meines Sohnes zu tun. Die fand nämlich fünf Wochen früher als geplant statt. Und er meinte auch 10 min bevor ich einen Vortrag hätte halten wollen anzuklopfen und jetzt loslegen zu müssen. Dazu kam noch, dass ich 300 km von zu Hause entfernt war. Das heißt: Die gesamte Situation war etwas suboptimal und anders als geplant. Natürlich, war es überfordernd. Was ich aber im Nachhinein daraus gelernt habe, ist enorm. Durch Zufall bin ich in einer Klinik gelandet, die wirklich traumhaft war und so etwas würde ich nicht in meinem Wohnort finden. Zum Anderen hat mich diese spontane Geburt gelehrt, in Gelassenheit und Geduld zu sein, dass alles irgendwie gut wird und alles seinen Lauf nimmt. Und, dass man gar nicht so viel Planen kann. Denn wir können noch so viel Planen und Strukturieren, wie wir wollen, es kommt doch sowieso immer anders.

 

Doch nun zurück zur Problemstellung.

Wir sind oft mit einem Problem oder einem zweiten Problem oder dritten konfrontiert. Was wir vergessen ist manchmal, dass es natürlich viele schwarze Punkte auf dem Papier gibt, aber was es noch viel mehr gibt, ist der Weißraum und dieser könnte aus positiven Momenten bestehen. Das meine ich auch mit Perspektivwechsel. Natürlich können wir uns darauf fokussieren und festfahren. Aber was ist mit dem Platz außen, mit den guten Dinge, die um uns herum sind und wir selbst bewirken? Denkt darüber nach!

 

Das war das kleine Gedankenexperiment, wozu ihr herzlich eingeladen seid.

 

Eine sehr einfache Gedankenübung, die aber visuell sehr hilfreich sein kann. Hier ein kleiner Einblick meiner Gedankenarbeit:

 

Wenn es nicht individuelle Herausforderungen sind, die wir zu bewältigen haben, stehen wir doch auch vor einer ungewissen Zukunft, die viele Fragen aufwirft. Der allgemeine Rechtsruck, die kommenden Europawahlen, Scheinprobleme und Scheinlösungen. Angesichts dieser schwierigen Zeiten, nenne uns deine Botschaft für das Jahr 2019 als Schlusswort!

Das ist eine total simple Botschaft, aber ich glaube, dass wir viele große Themen und Herausforderungen unserer Zeit herunterbrechen müssen, damit sie greifbar sind, damit sie verständlich sind, damit sie auch in unsere Komfortzonen reinpassen. Und jeder von uns hat eben diese Komfortzone. Wir sind ja auch alle Meister darin, Ausreden zu finden,

warum wir alle keine Zeit haben oder warum wir etwas nicht schaffen können. Deshalb bin ich ein Freund davon, große Themen auf eine Ebene zu setzen, dass sie A jeder versteht und B jeder in sein Leben einladen und umsetzen kann und C diese Herausforderung nicht als to do empfindet. Nicht mit dem Ansatz, dass wir jetzt etwas tun müssen. Es soll kein Druck verursachen, es soll eher Euphorie verursachen, Lust dazu machen, mitzuwirken.

Meine Botschaft: Kommt einfach miteinander in Kontakt, kommt miteinander in Verbindung, kommt ins Gespräch, seid neugierig auf andere Menschen, auf andere Sichtweisen, seid offen ohne Vorurteile, ohne Rollen und ohne Masken. Zeigt euch echt, authentisch, so wie ihr seid mit allen verletzlichen Seiten. Dann sehen wir uns wirklich, wie wir wirklich sind.

 

Der letzte Satz macht mich nachdenklich. Echt sein kann schön, aber auch unschön sein. Muss Raum für Wahrheit und Veränderung erlauben und vor allem Räume bieten, in denen man unmaskiert schwach sein darf, um zu Lernen und zu Wachsen. Dann kann die Liebe, die das Glück in unser Herz pflanzt, auch wirklich nach Außen strahlen und wir können wieder anfangen, in kindlichen Natur etwas größeres zu Erwarten und von Wundern zu Träumen.

 

Quellen

Musil, Robert. Prosa und Stücke (Gesammelte Werke, Bd. 1), Reinbeck (Rowohlt) 1978.  

Bilder

  1. Screenshot aus horizonworld.de
  2. Screenshot aus www.ministeriumfuerglueck.de

 

  1. Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausende
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