“Multikulti Deutschland?”

By Armanda Serwah

“In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Leckereien, da ist Fufu und Jollof rice, Egusi, Plantain, banana, chicken also. Chicken also. There is chicken also. Come to my house, you go chop chicken also.”

Aus unseren letzten Seminaren im German Public Sphere Kurs habe ich persönlich folgendes Fazit gezogen: Deutschland ist nicht mehr das, was es einmal war. Nicht das monotone, westeuropäische Land, das abgesehen von Hochdeutsch nur seine eigenen Dialekte kennt und bereits Plattdeutsch und Schwäbisch als komplett unterschiedliche Sprachen empfindet. Nicht das Deutschland, von dem ständig gesagt wird, dass dort nur Kartoffeln, Schwarzwälder Kirschtorte und Eintopf gegessen werden. Nicht das Deutschland mit den Sandalen-mit-Socken tragenden Männern und den zu langen, aggressiv klingenden Wörtern, den Reihenhäusern mit Einzelkind und jährlichem Urlaub an der Ostsee. Deutschland ist nicht monokulturell, Deutschsein kann das eine oder andere bedeuten.

Das heißt nicht, dass all das stereotypische Deutsch somit verschwunden ist. Im Gegenteil es ist nur so viel Kultur dazu gekommen, dass von sowas wie “stereotypisch deutsch” gar nicht mehr die Rede sein kann. Wer nun einen Einspruch erhebt (und das sind überraschend viele, vor allem Nicht- Deutsche) mit dem Argument, dass das Dirndl und die Lederhosen doch die nationale Tracht Deutschlands und das Oktoberfest und der Karnevalsumzug die Feiertage schlechthin seien, muss das Land noch nie wirklich gekannt haben. Deutschland ist ein Flickenteppich wie nie zuvor. Ein persischer Flickenteppich mit den verschiedensten Mustern von deutscher, arabischer, türkischer Kultur, und von vielen anderen Kulturen. Mit Blick auf unsere Geschichte hätte es uns besser gar nicht treffen können. Das Video zeigt, was diese Vielfalt für Deutschland bedeutet: das Lernen voneinander, Begegnungen miteinander, die vielleicht den einen oder anderen Kompromiss erfordern. Wir sind nicht ganz da, wir sind eigentlich ziemlich weit entfernt von einer deutschen, multikulturellen und friedlich miteinander lebenden Gesellschaft. Wir sind noch nicht da, aber wir haben das Potenzial dazu. Deutschland ist nicht monokulturell, Deutschsein kann das eine oder andere bedeuten, und das ist auch gut so! Leider scheinen einige, das noch nicht ganz begriffen zu haben.

Ich sitze in meinem engen Sitz im Fernbus. Eine lange Reise, gerade wegen der ständigen Stopps. Egal, jetzt brauche ich nur noch ein Auto und kann bald lange Distanzen selber durchdüsen. Ich lege meine Hand auf mein Portemonnaie, meinen nagelneuen Führerschein förmlich spürend. Für einen Moment erwäge ich, schnell zum kleinen Mikrofon neben dem Busfahrer zu rennen und meine bestandene Führerscheinprüfung zu verkünden. Als der Bus aber plötzlich stehen bleibt und eine Gruppe von Polizisten hereintritt, vergesse ich meine Idee schnell wieder. “Nur eine Routinekontrolle, Führerschein oder Personalausweis bitte”, sagt der vordere Polizist und der Rest der Polizisten macht sich zeitgleich zu den Passagieren auf. Ein Meer von wunderschönen Führerscheinen erscheint in der Luft. Ich kann es kaum erwarten, Teil dieses Meeres zu sein. Ich greife nach meinem Führerschein im Portemonnaie auf meinem Schoß und ziehe ihn mit einer dramatischen Armbewegung heraus – wusste ich doch, dass all das Yu Gi Oh Gucken mir später im Leben mal behilflich sein würde.

Ich halte meinen Führerschein auf derselben Höhe wie meine Nachbarin in die Luft, oder was von Luft in der stickigen Atmosphäre des Busses noch übrig ist, und merke dabei nicht, dass nun der vordere Polizist neben mir steht. Ich wende mich zu ihm und halte ihm meinen Führerschein vors Gesicht. Er schaut mich kurz an und nimmt ihn mir weg. Ich denke darüber nach, dass mein Führerschein viel zu kostbar ist, um so abrupt weggezogen zu werden und auch noch jetzt mit fremden Fingerabdrücken überdeckt zu werden. Bevor ich mich dazu entscheide, ihn mir einfach zurückschnappen, schaut mich der Polizist nochmal an und stellt mir die Gretchenfrage schlechthin; natürlich musste er sie mir stellen, nicht etwa seine Kollegen. Wahrscheinlich glaubte er nämlich, die Antwort würde einen blitzschnellen Einsatz erfordern oder sowas. Ich überlege kurz, was er wohl damit meint. Obwohl eigentlich weiß ich es: “Wo ist Ihr Weiß geblieben?” Ich weiß, was er meint. Trotzdem lass ich mir die Zeit darüber nachzudenken, was “Deutschsein” eigentlich bedeutet. Ich denke darüber nach, dass sich der Begriff “Deutschsein” im Hinblick auf die Politik allein schon im Laufe des Jahres 2018 so heftig verändert hat, und daran, dass der Polizist neben mir noch an das “Deutschsein” des letzten Jahrhunderts denken muss.  Ein richtiger Alman aus dem Bilderbuch. Kurz entschlossen sage ich “ja, ich bin deutsch” und weiß im selben Moment, dass ich meinen Pass hätte mitnehmen sollen. Oder hätte er gar nicht erst fragen dürfen? Bevor er mich auf die Probe stellt (wie auch immer diese hätte aussehen können) und Fragen an mich richtet wie “Wie viel Kilo Brot essen Sie am Tag?”, wirft ihm der Polizist neben ihm einen finsteren Blick zu. Er gibt mir endlich meinen Führerschein zurück und verlässt den Bus ohne weitere Ausweise kontrolliert zu haben. Kein Fisch am Haken heute.

In solchen Momenten wie diesen stelle ich mir vor, eine Stimme zu haben. Eine, die so laut ist wie die meiner Freunde, wenn sie jemanden auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Wenn ihre brillanten Argumente wie Rasierklingen die Ignoranz ihres Gegenübers schneiden. Manchmal glaube ich, in diesem Tumult von Rassismus meine Stimme verloren zu haben. An anderen Tagen glaube ich, dass ich auf Grund der fehlenden Literatur und des fehlenden Unterrichts, gar nicht erst solch eine Stimme hätte bilden können. Nicht in Deutschland. Wenn man dem größten Rassisten aller Zeiten Rassismus vorwirft und dieser sich damit herauszureden versucht, dass er doch eine schwarze Bekannte habe und deshalb logischerweise gar kein Rassist sein könne, dann wäre ich zu 100% die besagte schwarze Bekannte.

Auf der Suche nach meiner verlorenen oder noch nicht existierenden Stimme, stoße ich immer wieder auf unglaubliche Leute und Organisationen. Eine dieser wortwörtlich bahnbrechenden Initiativen ist die Bücherei EOTO. Die Abkürzung steht für den im transatlantischen Sklavenhandel entstandenen Spruch “Each One Teach One” und EOTO will an den Zusammenhalt der schwarzen Gemeinde erinnern. Wir haben EOTO zu einer unserer Seminarsitzungen eingeladen, und in der Diskussion mit Jeff Klein wurde deutlich, dass es EOTO vor allem darum geht, Deutschland endlich wachzurütteln. Themen, die Afrodeutsche betreffen, sollen mehr Aufmerksamkeit erhalten und politisches Interessen wecken. So setzt sich EOTO zum Beispiel dafür ein, dass rassistische Straßennamen umbenannt werden, dass an deutschen Universitäten der Studiengang “Black Studies“ angeboten wird, oder dass junge Afrodeutsche kostenfreie Hausaufgabenhilfe bekommen. Die Bibliothek ist eine richtige “Grassroot Organisation”, denn der Staat scheint die Existenz einer Afrodeutschen Community noch nicht wirklich realisiert zu haben.

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